Sep 01
Um es gleich zu sagen: Ich mag Google nicht. Nein, ich liebe Google.
Viele der Politiker, die immer, wenn ihnen sonst gerade nichts einfällt, gegen Google hetzen, kennen das Prä-Google-Internet vermutlich gar nicht. Ich kenne es, und es hat mir keine Freude bereitet. Google hat immer wieder entscheidende Entwicklungen angestoßen, die das Internet überhaupt erst benutzbar gemacht haben. Ich freue mich über das breite Angebot an Suchmaschinen für Texte, Videos, Bilder, usw., an Webmailern, an Blog- und Foren-Plattformen, an Online-Office-Paketen, an Landkartendiensten, an Chat-Anwendungen und an all den anderen Dingen ohne die viele von uns weder ihre Arbeit noch ihre Freizeit vernünftig organisieren könnten, aber wenn Google nicht ständig Messlatten vorgeben würde, gäbe es nichts davon. Google hat sogar die Werbung im Internet erträglich gemacht.

Die Dinge für die Google ständig kritisiert wird, sind oft keine Alleinstellungsmerkmale. Ja, Google speichert meine E-Mails auf seinen Servern auch dann, wenn ich sie gelöscht habe — genau wie jeder andere E-Mail-Dienst auf diesem Planeten. Auch GMX, Freenet, Strato und die Universitäten Rice, Hamburg und Bremen haben Back-Ups aller E-Mails, die ich jemals über meine jeweiligen E-Mail-Adressen verschickt habe. Ja, Google versucht, mittels Cookie mein Online-Verhalten zu erkunden, genau wie tausend andere Firmen. Ja, Google versucht mich dazu anzuregen, in meinem Google-Profil möglichst viele personenbezogene Daten freiwillig preiszugeben, allerdings lange nicht soviele, wie ein durchschittliches soziales Netzwerk.

Und wenn Google für Alleinstellungsmerkmale kritisiert wird, dann immer zu Unrecht. Die Befreiung von Büchern aus den Bibliotheken ist keine Piraterie geistigen Eigentums, sondern ein Kraftakt, mit dem ein vom Aussterben bedrohtes mittelalterliches Medium ins 21. Jahrhundert geholt wurde. Ich kann die Bücher zwar leider nicht online lesen (wie viele Kritiker zu glauben scheinen), aber ich kann sie durchsuchen und muss mir nur die Bücher kaufen, ausleihen oder anderweitig beschaffen, von denen ich weiß, dass dort etwas drinsteht, das ich wissen will. Das Durchsuchen und Kategorisieren von Nachrichtenmeldungen ist kein Umgehen irgendeines „Leistungsschutzes“, sondern ein Instrument, das es dem Konsumenten erlaubt, sich umfassend und vergleichend über das Weltgeschehen zu informieren, ohne dabei dem Filter eines einzelnen Medienunternehmens ausgeliefert zu sein.
Und Google Street View ist keine Verletzung irgendeiner Privatsphäre, sondern eine weltweite Nutzbarmachung einer der wenigen Ressourcen, die heute noch der Allgemeinheit gehören: dem öffentlichen Straßenbild.
Vielleicht gibt es wirklich Menschen, die glauben, die Ansicht Ihres Hauses von der Straße aus gehöre ihnen. Diesen Menschen will ich zwei Dinge sagen. Erstens: Ihr liegt falsch. Zweitens: Ihr kommt zu spät, wenn ihr glaubt, ein Verbot von Street View oder eine Verpixelung eurer Häuser würde euch helfen.
Zunächst kurz zum zweiten Punkt. Nehmen wir den Fall der vier Düsseldorfer Rentner Ludwig Hillesheim, Konrad Richter und Anne und Erich Jeschkowski. Die vier sind gerade dabei, zu Internet-Berühmtheiten zu werden, weil sie sich in einem Artikel für die Rheinische Post als Street-View-Gegner gerieren, und sich dabei vor ihren Häusern fotografieren lassen haben. Da die vier einen Eintrag im Telefonbuch mit voller Adresse anscheinend nicht als Preisgabe ihrer Privatsphäre betrachten, findet man in dreißig Sekunden heraus, dass sie alle im Mendelweg 47-53 wohnen. Gibt man ihre Adresse bei Microsofts Bing-Kartendienst ein (gegen den merkwürdigerweise niemand protestiert) bekommt man eine recht gute Vorstellung davon, wo die vier wohnen. Mit der richtigen Hard- und Softwareausstattung — die ich nicht habe — könnte ich mir über Bing das Haus sogar aus verschiedenen Blickwinkeln ansehen. Wenn ich es noch genauer wissen will, kann ich mir bei dem Immobilienanbieter e-rent.de Videos der Straße ansehen, aus einem fahrenden Auto gedreht, ohne dass (wie bei Street View) Nummernschilder und Gesichter verpixelt wären.
Ich will mich über die vier gar nicht lustig machen. Ihnen war möglicherweise nicht klar, dass die Rheinische Post eine Webseite betreibt und ihre Namen und ihr Foto weltweit verbreitet würden. Vielleicht wissen sie auch nicht, dass die deutschen Telefonbücher online durchsuchbar sind. Wahrscheinlich ist ihnen nicht klar, dass der gesamte Planet, inklusive des Mendelwegs, ständig hochauflösend von Satelliten fotografiert wird und dass die so entstehenden Bilder auf dutzenden von Wegen einsehbar sind. Und mit Sicherheit ist ihnen nicht bekannt, dass E-Rent ganz Düsseldorf gefilmt und ins Netz gestellt hat. Aber ihr Protest kann durch dieses gesammelte Nicht-Wissen als uninformiertes Nachplappern von Sommerloch-Parolen entlarvt und kann damit als Sinnbild für die gesammte Street-View-Kontroverse stehen.
Viel wichtiger ist aber der erste Punkt. Es wird in den lezten Jahren ja sehr viel über die Privatsphäre geredet. An dieser Debatte sind zunächst Politiker beteiligt, die nichts dabei finden, detaillierte Flugpassagierdaten oder Informationen über den innereuropäischen Zahlungsverkehr an die US-Geheimdienste zu schicken, die nichts dabei finden, zentralisiert erfasste lebenslang gültige Steuernummern einzuführen, die ernsthaft vorhaben, Schadsoftware auf die Rechner „verdächtiger“ Personen zu schmuggeln um deren Festplatten auszulesen, die uns biometrische Pässe aufzwingen, weil die Regierung eines anderen Landes das fordert und die in Zukunft per „De-Mail“ mit uns kommunizieren wollen und uns dafür zwingen, privaten Firmen wie United Internet oder der Telekom unsere Personalausweisdaten zu übergeben. Für die dürfte die Diskussion um die Verletzung der Privatsphäre durch Google, Facebook und das böse Internet dazu dienen, von ihrem eigenen schwach entwickelten Respekt vor allem Privaten abzulenken.
Außerdem reden aber auch immer häufiger Privatpersonen wie die oben genannten Düsseldorfer Rentner über angebliche Verletzungen ihrer Privatsphäre. Beschwerden über Google Street View höre ich derzeit fast wöchentlich von Bekannten und Verwandten — „Du hast doch so ein Blog, was sagst du eigentlich dazu, dass Google uns alle fotografieren und im Internet verkaufen will?“
Diesen Menschen möchte ich sagen: Eure Privatsphäre beginnt hinter eurer Wohnungstür. Der Anblick eurer Häuser und Vorgärten ist öffentliches Eigentum.
Die Straße gehört uns allen.

via (Anatol Stefanowitsch)

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